WM: Der schmale Grat zwischen Patriotismus und Nationalismus

Von Paul Hofmann und Anne-Sophie Balzerfussballgegennazis_steinbach

Party-Patriotismus ist bei Großturnieren erwünscht, nationalistische Äußerungen werden als Affekthandlung abgetan. Während des Ghana-Spiels schlug die Stimmung um.

…“Alter, gegen eine Mannschaft verlieren wo sich niemand ein Ball leisten kann“, schreibt ein User zum zwischenzeitlichen Rückstand der deutschen Mannschaft. Das sollte lustig sein, weil Ghana arm ist. Das kolonialrassistische Klischee teilen 53 andere Benutzer, 221 weitere favorisieren es.

Vielfach liest man den Begriff „Bimbo“ oder Sklaverei-Anspielungen, noch öfter vermuten Nutzer, dass die Deutschen wegen ihrer dunkelhäutigen Gegenspieler bald „schwarz sehen“ würden. Den Gipfel erreicht ein einzelner Tweet, den den Spielern von Ghana wünschte, sie mögen „mitten auf dem Spielfeld an AIDS“ sterben.

Seine Verfasserin bekommt Beleidigungen und Morddrohungen, sie entschuldigt sich später bei Facebook für ihre „unbedachte Äußerung“. Der Fankulturforscher Gunter A. Pilz, der beim DFB die Arbeitsgruppe Fair Play leitet, sieht in solchen Entgleisungen noch keine problematische Tendenz, wobei jede einzelne aber „eine zu viel“ sei.

…Diese Prozesse befeuert bisweilen auch die Werbewirtschaft, exemplarisch ist eine ältere Werbung des Autovermieters „Sixt“. Unter dem Slogan „Ghana – Das könnte eng werden“ stehen sich ein moderner Mercedes und ein übervoller, verschmutzter Truck gegenüber. Die Botschaft? Der geordnete, saubere, technisch überlegene Deutsche trifft auf den Barbaren, bei dem es eng wird auf der Ladefläche. „Ein hochpeinlicher Ausrutscher“, sagt Pilz.

Es ist ein Ausrutscher, der stellvertretend für das verbreitete Ressentimentdenken steht, dass für einige Forscher eng mit dem Verständnis von Staatsbürgerschaft zusammenhängt. „Wenn das alltägliche Staatsverständnis wie bei uns von genetischer Abstammung geprägt ist, wirkt sich der Nationalismus stärker negativ aus“, erklärte etwa der Wissenschaftler Ulrich Wagner während der EM 2012 der Süddeutschen Zeitung.

…Gunter A. Pilz sieht den Fußball nicht als den Ursprung, wohl aber als eine Angelegenheit, „die Nationalismen fördern kann“. Da der organisierte, parteiliche Rechtsextremismus fast aus der Öffentlichkeit verschwunden sei, ziehe er sich zunehmend in Nischen wie die Fankurven zurück. Deren Mitglieder neigen im Streben nach einer positiven Selbstbewertung dazu, ihre eigene Gruppe positiv gegenüber einer anderen abzusetzen. Sie mobilisieren Affekte gegen eine Fremdgruppe, um ihren Zusammenhalt zu stärken. Aufwertung durch Abwertung, so das Prinzip, das international schnell fremdenfeindliche Züge wie das „Blackfacing“ annimmt, gegen das die Fifa mittlerweile ermittelt.

http://fussball-gegen-nazis.de/beitrag/wm-der-schmale-grat-zwischen-patriotismus-und-nationalismus-9535

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