Lesenswert: Dríade Aguiar über Mídia Ninja, die Proteste in #Brasilien, die Präsidentschaftswahlen und feministischen Aktivismus

Die Netzwerke der Ninjas

Die Aktivistin DRÍADE AGUIAR ist Guerilla-Reporterin. Zu Beginn der Fußballweltmeisterschaft sprach sie mit FIONA SARA SCHMIDT über die neue Qualität des gesellschaftlichen Protests in Brasilien [gekürzt].

midia_ninja_logo[…] Was ist seit den Protesten rund um den Confederations Cup letztes Jahr passiert, als Hunderttausende auf die Straße gingen, um gegen die korrupte Politik und für bessere Versorgung und Lebensbedingungen zu demonstrieren?

Es ist wahnsinnig viel los, an ganz unterschiedlichen Fronten. Jetzt geht es vor allem darum, die Grundversorgung für alle zu verbessern: öffentlicher Raum, Recht auf Wohnraum, medizinische Versorgung und Bildung.
Wir haben seit zwölf Jahren eine sozialdemokratische Regierung, die die Menschen ermutigt, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen. Die Leute begreifen, dass politische Entscheidungen Auswirkungen auf ihr persönliches Leben haben – nicht nur durch die Teilnahme an Wahlen, sondern auch, indem sie selbst für ihre Rechte eintreten. Das begann schon lange vor der Fußballweltmeisterschaft, in São Paulo zum Beispiel wurden Büros und Regierungsgebäude besetzt. Früher war der öffentliche Raum nur dazu da, um von A nach B zu kommen, jetzt holen sich die Leute öffentliche Plätze zurück, mit Demonstrationen bis hin zum Straßenkarneval. Das geschieht in zahlreichen Städten, Millionen Menschen gingen immer wieder auf die Straße.

Welche Rolle hat Staatspräsidentin Dilma Roussef, die wie ihr Vorgänger Lula da Silva Mitglied der linken Partido dos Trabalhadores ist und in den 1970er Jahren dem Widerstand gegen die Militärregierung angehörte? 

Die gegenwärtige Regierung ist offen und volksnah. Dilma gibt ihr Bestes, um mit den sozialen Bewegungen in einen Dialog zu treten, genau wie Lula es tat. Die Probleme liegen viel tiefer, als dass man sie an ihrer Person festmachen könnte, der Aktivismus richtet sich nicht gegen die Präsidentin und ihre Partei, sondern stellt das gesamte politische System Brasiliens infrage. Politik, wie wir sie kennen, steht vor einer Zerreißprobe. Dilma hat jetzt die Chance, offen auf die sozialen Bewegungen zuzugehen und die Menschen einzubinden. Die Wahlen im Oktober werden die demokratische Kultur stärken, weil alle Parteien Vorschläge liefern müssen, wie die politische Kultur verbessert und die Forderungen des Volkes berücksichtigt werden können. Ich glaube nicht, dass die rechten Parteien eine Chance haben, weil das Volk weniger Partizipation nicht akzeptieren wird.

Wie sieht feministischer Aktivismus in Brasilien aus?

Es gibt spezielle Frauenproteste wie etwa Lesbendemos, den World Women Walk und Slutwalks, aber viele Probleme sind nicht frauenspezifisch. Wir müssen herausfinden, wie Frauen die Proteste für sich nutzen können, wie unsere Sichtweisen in den Widerstand getragen werden. Zum Beispiel ist Sicherheit für alle ein großes Problem, aber wir Frauen werden auf der Straße häufiger überfallen, und Schwarze Frauen öfter als weiße. Wir müssen unsere Rolle in der Revolution ernst nehmen und das tun wir bei Debatten, Streiks und Demonstrationen.
Wir sprechen jetzt offener darüber, wie unterschiedlich wir alle sind. Der Konflikt ist alt, aber jetzt gibt es mehr Berichterstattung über diese Bewegungen. Zum Beispiel gibt es sehr viele Impulse aus den Favelas, wo sich Menschen gegen Morde an unserer jungen Schwarzen Bevölkerung erheben. Auch Frauen kämpfen gegen die verbreitete Meinung, es sei die Aufgabe von Polizisten, die „bad guys“ umzubringen.

Ninja nutzt in erster Linie Bürger_innenjournalismus und soziale Netzwerke für die Berichterstattung. Welche neuen Protestformen ergeben sich daraus, was hat sich schon verändert? 

Wir haben in Brasilien eine lange Geschichte von gesellschaftlichem Protest. Manche engagieren sich zum Beispiel in Gewerkschaften, jetzt finden alle zusammen, wir haben gemeinsam eine neue Stufe erreicht. Ich bin eine 23-jährige Schwarze Frau aus einer Kleinstadt, die Arbeit mit Fora do Eixo und Ninja hat mich sehr empowert. Ich verstehe jetzt, dass meine persönlichen Probleme kollektiver und öffentlicher Natur sind. Wir kämpfen auch gegen Schönheitsideale, wie wir mit Körpern umgehen, ist sehr wirkmächtig. In Brasilien sind immer weniger Frauen feministisch aktiv, weil sie auf Klischees hereinfallen. Selbst Frauen, die für Frauenrechte kämpfen, behaupten, sie seien keine Feministinnen! Ich vermute, weil sie nicht mit den Vorurteilen zum äußeren Erscheinungsbild von Feministinnen konfrontiert sein wollen, die es immer noch gibt.

Das gesamte Interview unter: http://www.linksnet.de/de/artikel/31401

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