Soziale Proteste und internationales Desinteresse: Prof. Kai Ambos über die Situation in #Brasilien

Kulturgespräch 2.7.2014  Polizeigewalt und Fußballtore

Prof. Kai Ambos über die anhaltenden Sozial-Proteste in Brasilien und das internationale Desinteresse

swr2_proteste_brasilien[…] Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff hat gerade ein überschwängliches Zwischenfazit gezogen: Die Brasilianer seien die Gastgeber der besten WM in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft. Das Land habe einen großen Sieg über die Pessimisten gefeiert, die vor der WM gewarnt hatten vor Chaos, Unruhen, Kriminalität und Protesten gegen die WM.
In der Tat hört man auch bei uns in der ausführlichen Berichterstattung rund um die Spiele nichts oder wenig von Protesten. Aber es gibt sie, und zwar nicht zu knapp. Im Internet finden sich Videos von Demonstrationszügen, Protestchören, Tränengasattacken der Polizei und Massenfestnahmen. Mit den Protesten in Brasilien beschäftigt sich auch Prof. Kai Ambos, der an der Uni Göttingen die Forschungsstelle für Lateinamerikanisches Straf- und Strafprozessrecht leitet.

[…] Die gesamte Sicherheitspolitik, die Sicherheitsarchitektur, die da geschaffen wurde und zum Nutzen der Militärpolizei stattfindet – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele in Rio – ist tatsächlich eine Art Rückgriff auf Strukturen, die man aus der Militärdiktatur kennt. Das würde ich auch so sehen.

Wie erklären sie sich dann die relative Ruhe in den internationalen Medien zu dem Thema?
Das ist schwer zu sagen, ich denke, das müssen Sie wahrscheinlich Ihre Kollegen aus anderen Sendeanstalten und Zeitungen und so weiter fragen. Bei der BBC gibt es durchaus auch kritische Berichterstattung. Die World News der BBC zum Beispiel berichten über die Prostitution von Minderjährigen in Recife, was ein Riesenproblem ist. Aber es wäre in der Tat schön, wenn man etwas mehr kritische Töne hören würde, vor allem in den Mainstream-Medien. Bei uns in Deutschland betrifft das etwa diese ganze Fußballberichterstattung in ARD und ZDF. Da werden ja Klischees verkauft, und im Grunde genommen gibt es gar keine Analyse dieser Fragen, denn es interessiert auch keinen in dem Moment. Es ist eben leider Gottes immer schon so gewesen, dass solche Sportereignisse – denken Sie an die Olympischen Spiele in Berlin während der Nazizeit oder an die WM in Argentinien während der Militärdiktatur – natürlich auch benutzt werden. Es gibt ja die These: Wenn Brasilien Weltmeister wird, ist die Wiederwahl von Dilma gesichert; wäre Brasilien im Achtelfinale beim Elfmeterschießen ausgeschieden, dann wäre auch die Präsidentin schon fast gefallen. Diese sportlichen Großereignisse haben tatsächlich schon extreme Effekte und werden natürlich auch als propagandistisches Instrument benutzt.

SWR2 Kulturgespräch mit dem Autor und Strafrechtler Prof. Kai Ambos führte Martin Gramlich 2.7.2014 um 7.40 Uhr. Nachzulesen & nachzuhören unter: SWR.de

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