Wir sind wieder wer – anders: Von Entproletarisierung und ökonomischer Effizient des dt. Fußballs

Symbolgehalt Seit dem Wunder von Bern gingen Politik, Ökonomie und Fußball eine Allianz ein, die wir nicht mehr losgeworden sind. Doch ein Fußballspiel hat keine politische Botschaft

von Georg Seeßlen

weltmweister_derfreitag[…] Vier Mal wurden erst die BRD und dann das wiedervereinigte Deutschland Weltmeister, und jedes Mal reagierte man nicht einfach nur mit der gewöhnlichen Freude und dem erlaubten Nationalstolz, sondern auch mit der Suche nach der politischen Metaphorik. Die Nation Deutschland, so wie wir sie kennen, ist nicht zuletzt durch den Fußball gebildet worden. Es gab den Urknall, das „Wunder von Bern“, wo in einer kollektiven Erzählung bestimmt wurde: „Wir sind wieder wer.“ Politik, Ökonomie und Fußball gingen damit eine Verbindung ein, die wir seitdem nicht mehr losgeworden sind. Nicht zuletzt deswegen präsentiert der Moderator des täglichen Börsenpornos im Fernsehen seine Weisheiten auch im Viersternetrikot und erklärt uns, um wie viel die deutschen Werte nach gewonnenen Weltmeisterschaften gestiegen sind. 1954 waren es 83 Prozent […]

In Wirklichkeit wird die Analogie von Fußball und Politik erst durch die Medien erzeugt. Eines hat sich indes geändert: Die Protagonisten wissen schon genau, was von ihnen erwartet wird. Dass, nur zum Beispiel, der Torwart pflichtschuldig sagen muss, ganz Deutschland sei Weltmeister geworden. Konkrete Politik ist dagegen die Macht einer postdemokratischen Weltorganisation wie der FIFA. Sie bestimmt ja nicht nur über die Geldströme und die Postenvergaben, sie bestimmt am Ende auch über die Bilder. Sie lässt nur diejenigen durch, die zeigen, wie bürgerlich, wie familiär, wie weiblich der Fußball geworden ist. Es findet eine ikonografische Gentrifizierung statt. Aus dem einst proletarischen Wirklichkeitsmodell soll das ebenso karnevalisierte wie kontrollierte Vergnügen für den zahlungskräftigen Mittelstand werden. Auch was das anbelangt, passt der deutsche Sieg ins Bild. Die netten Konquistadoren sind das perfekte Instrument der Entproletarisierung und der ökonomischen Effizienz, was sich besonders im Vergleich zu Brasilien zeigt: Den „anarchischen Strukturen“ und der „mangelnden Nachwuchsarbeit“ werden deutsche Ordnung und Kontinuität gegenübergestellt. Ganz nebenbei sehen wir in Brasilien, wie drastisch sich der Fußball als ökonomisch-medial-politisches Superunternehmen gegen die Klasse gerichtet hat, der er einmal gehörte, und die nun durch Architektur, Polizei und Ticketpreise ausgeschlossen wurde.
Der Sieg dieser deutschen Mannschaft könnte auch noch Metapher für gelungene Integration sein. Deutschland als erfolgreiches, also erfolgreich kontrolliertes Migrationsmodell. Ein Blick in die Fanforen lässt diese Illusion rasch verschwinden. Dort einigt man sich rasch auf einen rationalisierten Binnenrassismus. Die Spieler mit Migrationshintergrund werden gleichsam vorgreifend entheroisiert und verbal herabgestuft. Die Mannschaft des Spiel gewordenen Merkelismus hütet sich vor der Kreolisierung. Und weil sich Leistung lohnen muss, werden wir auch darüber nicht im Unklaren gelassen, dass diese deutsche Mannschaft die größten Prämienzahlungen aller Zeiten bekommt. Die netten Konquistadoren kriegen eben auch nette Bonuszahlungen, so wie Angela Merkel und Joachim Gauck sich mit Blatter und Platini prächtig verstehen…

Der Freitag

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